Vampirromane ohne Glamour und Glitter? Und es gibt sie doch noch!
Seitdem der erste Teil der „Twilight“-Reihe aus der Feder von Stephenie Meyer erschienen ist, ist das Vampirgenre plötzlich wieder absolut en vogue. Seither wird der Büchermarkt überschwemmt mit Romanen, die sich mit den Geschöpfen der Nacht befassen und sich vor Allem in die Kategorien „Vampirromanze“ und „Vampirkomödie“ einstufen lassen.
Doch auch wenn die erzählte Handlung her zum Komödiantischen neigt, beinhaltet sie zumeist doch auch eine Liebesgeschichte zwischen sterblichem und untoten Wesen.
Natürlich ist man angesichts dieser Liebeleien-Flut geneigt zu glauben, dass in den letzten Jahren keinerlei Romane mehr veröffentlicht wurden, in denen die Vampire nicht romantisch-verklärt gezeichnet sind, in denen keine „menschlichen“ Vampiren ihre monströsen Kollegen besiegen mussten und in denen Vampire mal nicht als „zärtliche Aortenknabberer“, sondern tatsächlich noch als gierige Blutsauger beschrieben wurden.
Doch auch solche Romane; Romane, bei denen die Männer nicht gleich die Hände vor dem Kopf zusammenschlagen, weil sie vor Schmalz, Kitsch und Glitzer nur so getränkt sind; lassen sich durchaus noch auf dem neueren Buchmarkt entdecken. Ob es verwundert, dass diese Romane zum grössten Teil von männlichen Autoren verfasst worden sind? Irgendwie nicht.
Ich bin nun kein Mann, aber die Figur des „romantischen“ Vampirs entspricht dann doch so gar nicht meinen Vorstellungen: eventuell sind Vampire zwar nachdenklich, tiefgründig und innerlich zerrissen, aber doch auch immer von ihrer Gier nach menschlichem Blut getrieben… und so bin ich als ausgesprochene Leseratte wenn dann auf der Suche nach Vampirromanen, die eher gegenteilig zu „Twilight“ sind und die sich nicht, und erst recht nicht bereits von Beginn an, um die Kernfrage „Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?“ drehen.
Zutiefst beeindruckt hat mich in diesem Sinne der Vampirthriller „So finster die Nacht“ von John Ajvide Lindqvist: hier geht es um einen kleinen schüchternen Jungen, der mit seiner Mutter in einem Vorort von Schweden lebt und dort eher eine Aussenseiterrolle innehat, gepaart mit einer Opferrolle, denn er ist das bevorzugte Opfer der aggressiveren und gewaltbereiteren Clique, die aus diversen Mitschülern besteht. Nun zieht nebenan augenscheinlich ein merkwürdiges kleines Mädchen mit ihrem Vater ein, doch die Wohnung ist tagsüber komplett verdunkelt und Oskar, besagter Junge, trifft das Mädchen, das sich als Eli vorstellt, nur spätabends auf dem Spielplatz vor dem Haus.
Zur selben Zeit erschüttert ein Mordfall die Stadt: im Wald, in unmittelbarer Nähe von Oskars Wohnhaus, hat man eine kopfüber aufgehängte Kinderleiche gefunden, komplett blutleer, ohne dass es irgendwo Blutspuren gäbe.
Schnell wird in Oskar der Verdacht wach, dass Eli ein Vampir ist, denn immerhin sprechen die äusseren Umstände doch sehr dafür…
Zeitgleich erhält man Einblick in ein kleines Grüppchen von Stammtisch-Proleten und dann gibt es da noch den halbwüchsigen Stefan, der sich nicht so recht mit dem neuen Partner seiner Mutter, einem Polizisten, arrangieren kann und allgemein eher rebellisch und im kleinkriminellen Milieu anzusiedeln ist.
Die Handlung konzentriert sich zwar deutlich auf Oskar und Eli, doch auch wenn man sich zunächst noch fragt, wie denn die Anderen mit diesen zusammenhängen, kreuzen sich am Ende doch die Wege aller Beteiligten.
Im Allgemeinen wird hier ein guter Schnitt quer durch Proletariat und Prekariat gezogen und sehr viele der „typischen“ Probleme angesprochen: von Alleinerziehung und Vernachlässigung über Arbeitslosigkeit und Alkoholismus bis hin zu Kleinkriminalität und extremer Gewaltbereitschaft, wobei in „So finster die Nacht“ auch Pädophilie eine sehr grosse Rolle spielt.
Leichte Kost schmeckt anders und die Geschichte ist unheimlich düster und eben auch sehr brutal.
Vampire werden hier als eher einsame, rastlose Geschöpfe gezeichnet voller Verzweiflung, die sich auch selbst als „die Verdammten“ ansehen.
„So finster die Nacht“ ist inzwischen verfilmt worden und auch wenn die Verfilmung preisgekrönt ist: der Roman stellt sie noch weit, ganz weit, wirklich sehr weit in den Schatten. Die brutalsten Szenen hat man erst gar nicht verfilmt und ein wenig geht dort auch die Geschichte ein wenig unter. Ich habe zunächst den Roman gelesen und im Anschluss den Film gesehen. Natürlich: ein klassischer Fehler. In meinen Augen ist der Film „So finster die Nacht“ zudem keine Verfilmung, sondern ein Werbefilm, der auf den Roman aufmerksam machen will.
Aber wie gesagt: auf diese Geschichte muss man sich erst einmal einlassen und bereit sein, sich auf drastische Sichtweisen einzulassen. Lindqvist versteht es nämlich, den Leser dadurch zu schockieren und abzustossen als dass er keine Wertung vornimmt.
Redet er vom Pädaphilen, spricht er beispielsweise niemals die Opfersituation an. Auch die Schläger sind überzeugt von ihrer Gewalt. Reue spielt hier kein Thema. Schuld eigentlich auch nicht.
Mich hat die Ernsthaftigkeit und die Abgebrühtheit dieser Erzählung sehr beeindruckt, aber den ersten Platz meiner persönlichen Liste der besten neueren Vampirromane muss sich „So finster die Nacht“ dennoch teilen: mit „Die Vampire“ von Kim Newman. Ein unglaublicher Schinken, ein epochales Werk, das sich kaum in wenigen Worten zusammenfassen lässt.
Nur soviel: Van Helsing konnte Dracula nicht töten, sondern Dracula hat sich nach Europa abgesetzt und das Herz der britischen Königin gewonnen, die ihn sogleich zum Prinzgemahl nahm. Seither lebten Menschen und Vampire in einer Art seltsamer Co-Existenz zusammen und dadurch, dass nun immer mehr Untote die Strassen bevölkerten, veränderte sich natürlich auch der Lauf der Geschichte und diese wird in diesem Roman erzählt.
Für mich ein bombastischer Roman, aber um dem Verlauf seiner zig Seiten folgen zu können, benötigt der Leser nicht nur eine hohe Konzentrationsfähigkeit, sondern auch ein unglaubliches Gemeinwissen: Kim Newman erwähnt hier nämlich nicht nur zig reale Personen, sondern greift auch auf fiktionale Figuren zurück. Klar, wer seine Geschichte auf Bram Stokers fiktivem „Dracula“ aufbaut (diesen Roman sollte man übrigens dringend gelesen haben, denn Newman, der lediglich auf einen anderen Schluss pocht, erwähnt von Anfang an ständig die Figuren und Situationen aus Stokers Werk), kann dessen Wege auch von Dorian Gray und James Bond kreuzen lassen.
Kim Newman bedient sich fröhlich an der Literatur- und an der Weltgeschichte, würfelt alles durcheinander und sortiert es neu: unter den Vampiren wäre schliesslich alles anders gelaufen.
Und so abstrus das Handlungskonstrukt nun auch klingen mag: es wirkt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Vermutlich wirkt es aber nur auf Diejenigen, die wissen, wie es tatsächlich (gewesen) ist, und die den Umfang der Bedeutung der Vampire daher tatsächlich ermessen können. Wer beispielsweise noch nie etwas von Dorian Gray gehört hat, wird seine Auftritte wohl eher wie der Ochs vorm Berg erleben.
So dient „Die Vampire“ dann schliesslich auch als eine Art Rätselbuch: wer war echt und wie war es wirklich? Und man kann mit diesem Buch tatsächlich Lücken in seiner Allgemeinbildung feststellen.
Jedem würde ich „Die Vampire“ von Newman nun nicht empfehlen, aber dieser Roman ist einfach herrlich intensiv und schon eher intellektuell, weswegen er sich von vielen Vampir-Erzählungen schon deutlich abhebt.
Und klar schwärmt Oskar in „So finster die Nacht“ relativ schnell für Eli; natürlich wird auch über die Jahrhunderte hinweg in „Die Vampire“ so manche Liebelei begonnen (und teils auch sehr schnell wieder beendet), aber romantisch sind doch beide Romane nicht. Humorvoll auch nicht so sonderlich. Mission „schmalzfreier Vampirroman“: erfüllt.
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